E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Hildebrand-Schat, Viola

Spiegelung, optische Täuschung oder technischer Trick? Die Verkehrung der Welt in den Werken von Francisco Infante-Araña

Das Vergnügen am Spiel mit der optischen Täuschung, der vermeintlichen oder tatsächlichen Durchbrechung von Räumen und die dadurch ausgelöste Irritation beim Betrachter hat sich in der Architektur wie in den bildenden Künsten seit dem Barock ungemindert erhalten. Die Vertreter kinetischer wie optischer Kunst machen es zum vorrangigen Anliegen ihres Schaffen und prägen mit der Op Art in den 1950er und 1960er Jahren eine eigene Kunstrichtung. Weniger bekannt ist hingegen, dass inmitten der Verordnung einer Kunstrichtung, die sich einer idealisierten Darstellung des Alltagsleben zu widmen hat, dem sogenannten Sozialistischen Realismus, ein sowjetischer Künstler mit einer Kunst hervortritt, die in hohem Maße auf optische Verkehrungen setzt, die er mit Spiegeln erzeugt. Da Infante-Araña seine raumgreifenden Installationen ausschließlich im Freien inszeniert, bindet er die umgebende Natur in seine Konzeption mit ein. Kunst und Natur, Reflexion und Realität verbinden sich zu eigenwilligen Raumstrukturen, die die gewohnten Bezüge aus den Angeln hebt. Himmelsprojektionen finden sich in Gesteinshalden, die Geröllmassen in merkwürdiger Weise gen Himmel gekehrt. Der vom Künstler hierfür geprägte Begriff der Artefakte soll zum Ausdruck bringen, dass künstlerischer Eingriff und Gegebenheiten eine Verbindung eingehen, die nicht nur eine besondere Art von Kunst hervorbringt, sondern zugleich auf die verschiedenen Weisen der Wahrnehmung hinterfragt. Deutlich wird das beispielsweise auch, wenn der Künstler die natürliche Reflexion einer Wasserpfütze in einer Fahrrinne der einer Spiegelung in einem zwischen die Wasserlachen plazierten Spiegel entgegenhält. Eine solche Verkehrung von Wirklichkeiten gelingt umso mehr, als der Künstler seine Arbeiten in fotografischen Aufnahmen nicht nur dokumentiert, sondern in den Aufnahmen das Kunstwerk fortführt. Inwieweit Infante-Arañas Arbeiten ein Reflex auf die sowjetische Situation sind, in der die propagierten Ideale mit der Praxis kollidieren, die unter der Ägide des Sozialistischen Realismus produzierten Darstellungen und die tatsächliche Realität auseinanderklaffen, ist eine Frage, die sich ebenso aufdrängt wie die, wie ein dissidenter Künstler wie Infante-Araña innerhalb des engmaschigen Netzes der Kontrolle überhaupt in solchem Maße, zudem im freien Raum tätig werden konnte.

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