E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Barth, Holger

Spurensuche auf den Pfaden der Moderne. Gustav Lüdecke 1890-1976

Architektur ist Ausdruck und zugleich Konstitutionsbedingung des Gesellschaftlichen, denn Architekten verleihen einerseits durch ihr Handeln der Umwelt eine Bedeutung, und andererseits schlagen diese sozial konstruierten Bedeutungen auf das Handeln und Denken zurück. Im Gegensatz zu der klassischen Handlungstheorie stellt die dem Aufsatz zu Grunde liegende «Objektive Hermeneutik» die Reproduktion und Transformation gesellschaftlicher Strukturen in einen unentwegten Prozess der Strukturerzeugung. Die Ausweitung der auf Texte beschränkten Sequenzanalyse auf nicht sprachliche Ausdrucksformen, wie architektonische Entwürfe, besteht darin, sich der subjektiven Wirklichkeit vermittelt über Ausdrucksgestalten zu vergewissern. In Entwurfssequenzen werden die umbrechenden Strukturen kultureller Deutungsmuster sichtbar, die in der Baugeschichte als Paradigmenwechsel geführt werden. Am Ende des theoretischen Horizonts steht gemeinhin die Einsicht, dass sich historische Verläufe nur im Rahmen praktischer Absichten erschließen lassen, wie in diesem Fall anhand eines Architektenwerkes aus der «zweiten Reihe». Gustav Lüdecke wurde 1890 in Erfurt geboren und wirkte als Architekt an der Gartenstadt Hellerau bei Dresden mit. Sein �uvre ist als Fallrekonstruktion geradezu prädestiniert, weil es weit in das 20. Jahrhundert und damit über drei politische Systeme reicht. Insgesamt legt sich eine Entwurfshaltung über Lüdeckes �uvre, das in seinem Pragmatismus besticht und sich jeder Hintergründigkeit entzieht. Er setzt ganz bewusst traditionelle und moderne Gestaltungselemente in seiner Architektur ein, die in ihrem Verhältnis zueinander weder einer Polarisierung unterliegen, noch einen linearen, chronologischen Verlauf nehmen. Für ihn war diese Ambivalenz keine Zerreißprobe, denn alles, was er tat, galt mehr oder weniger einer ganzheitlichen Lebensreform. Natürlich können Rückschlüsse, die aus diesem Fall gezogen werden, nicht ohne weiteres verallgemeinert werden. Doch lässt sich allein an einem Architektenwerk der Mythos der Moderne de-konstruieren, weil es neue Fragen aufwirft, mit denen bisherige Annahmen und Urteile einer grundsätzlichen Überprüfung bzw. Neubewertung unterzogen werden müssen.

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