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Becking, Clara

Angekündigte Revolutionen

Kaum ein anderer Appell, der sich in den letzten Jahren an ‘die Kunst’ richtete, war lauter als der, sie solle sich politisch positionieren. Über den gegenwärtigen Stand der Welt sagt diese Forderung viel. Sie ist nicht nur Chiffre dafür, dass ohnmachtsgetriebene Subjekte ihren notwendig eigenen Anteil und die Verantwortung die sie an politischen Umwälzungen tragen, an Instanzen wie die Kunst abschieben, sondern primär problematisch, weil sie, indem sie die Annahme impliziert man müsse, ein Werk auf eine bestimmte Art und Weise politisch konfigurieren, damit es eine gesellschaftliche Relevanz trägt, das Wesen des Kunstwerks verkennt. In Rückbezug auf Adornos Ästhetische Theorie liegt dieses unter anderem darin, auf die Entfremdung der Welt mit der Verfremdung zu antworten, eine Bewegung zu sein, die zueinander konträre Momente wie in einem Kraftfeld vereint und mit dem Anspruch der Sublimierung und der theoretischen Reflexion das Subjekt zum Handelnden werden lässt. Eine Gewichtung dagegen, schränkt die politische Dimension der Kunstwerke ein — „Mit Gesinnung ist wenig getan“ — und negiert das Spannungsfeld, das jedes Kunstwerk zwischen seinen einzelnen Momenten aufbaut. Zuletzt kuratorische Konzepte wie das der documenta 14, die als vorläufiger Höhepunkt einer politischen Ausrichtung gesehen werden kann, sind Ausdruck dieses sich latent einschleichenden Prozesses, der gleichermaßen die Kunst wie ganz banale Topoi betrifft: die Appropriation wesentlicher Begriffe, die verwertet werden als den Dingen vorauseilende, vielversprechende Buzzwords. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nun, wie wir einer Kunst, deren politischen Dimension nur noch Surrogat und Schlagwort ist, begegnen und wie wir wirkungslose Phrasen zur politischen Rebellion der Werke wieder in neuralgische Punkte verwandeln können, die die Gesellschaft mit sich selbst konfrontieren und sie zu verändern vermögen.

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