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E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
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Improvisation. Theorie – Praxis – Ästhetik

Redaktion:  Matthias Haenisch / Matthias Haenisch 

Ausgabedatum:  20.05.2012

Allzu lang war musikalische Improvisation eine von der Wissenschaft vernachlässigte Kunst, zumeist Spezialgebiet von Ethnologen, Jazzforschern und musikpsychologischer Forschung. Sowohl aufgrund eines disziplinübergreifend gewachsenen Interesses an der Improvisation im Theater, im Tanz und in der zeitgenössischen Musik als auch im Zuge eines sich wandelnden Selbstverständnisses der Musikwissenschaft im Sinne eines performative turn hat sich diese Situation in den vergangenen Jahren zu verändern begonnen. Davon zeugen nicht nur eine wachsende Zahl an Konferenzen und Publikationen, sondern auch langfristig angelegte Forschungsprogramme wie das ICASP-Projekt (Improvisation, Community, and Social Practice) in Guelph, das Rhythm-Changes-Programm der University of Salford oder die Arbeit des AHRC Research Centre for Musical Performance as Creative Practice (CMPCP) in Cambridge und Oxford.

Ein Anliegen dieser Ausgabe ist es, den sich entwickelnden wissenschaftlichen Diskurs im Hinblick auf spezifische Fragestellungen einer Theorie und Ästhetik improvisierter Musik zu vertiefen. Dabei folgt das Konzept der Ausgabe der Überzeugung, dass die Erforschung musikalischer Improvisation interdisziplinär und im Austausch mit Praktikern erfolgen sollte – interdisziplinär, weil kaum genuin musikwissenschaftliche Methoden und Kategorien zur Untersuchung improvisierter Musik zur Verfügung stehen; im Austausch mit Praktikern, weil nur aus der Beobachtung und Reflexion der Improvisation als Handlung und Interaktion eine Ästhetik und Praxeologie improvisierter Musik zu gewinnen sein wird. Wahrnehmung und Temporalität, Interaktion und Material, Künstlerästhetik und Klangforschung, Performativität und Körperlichkeit, Form und Werk, Live-Elektronik und Medialität sind die Themen, mit denen sich die Autor/innen dieser Ausgabe aus Soziologie, Musikwissenschaft und künstlerischer Praxis auseinandersetzen. Dabei reicht das Feld der hier insgesamt zur Sprache gebrachten Musik vom Free Jazz bis zu zeitgenössischen Formen improvisierter Musik.

Das breite Spektrum soziologischer Zugänge zeigen die beiden Beiträge von Dirk Baecker und Silvana Figueroa-Dreher. Aus systemtheoretischer Perspektive untersucht Dirk Baecker das Verhältnis von Wahrnehmung und Kommunikation, insbesondere die spezifische Zeitlichkeit der Improvisation im Free Jazz. Silvana K. Figueroa-Drehers handlungstheoretisch ausgerichteter Beitrag erforscht Interaktion, Koordination und Dynamik des musikalischen Materials im Prozess freier Improvisation. Empirisch geht auch die Musikwissenschaftlerin Gisela Nauck vor, indem sie anhand von Interviews das Verhältnis von künstlerischem Selbstverständnis und individueller ‚Klangforschung‘ untersucht und dabei der Geschichte des musikalischen Materials bis in die Biographien Improvisierender folgt. Für eine von Kulturtheorie, Anthropologie, Theater- und Bewegungswissenschaft informierte Musikwissenschaft plädieren die Beiträge von Christa Brüstle und Mathias Maschat. Gegen einen einseitig an Intuition, Spontaneität, Emotion und Subjektivität ausgerichteten Improvisationsbegriff wendet sich Christa Brüstles Beitrag, in dessen Mittelpunkt das Wissen und die Kompetenz des Körpers und damit die Intelligenz des Unbewussten als wichtiger Fokus künftiger Improvisationsforschung steht. Vor dem Hintergrund einer Ästhetik des Performativen untersucht Mathias Maschat die spezifische Präsenz und Aura, die Ereignishaftigkeit und Emergenz, die Materialität und Körperlichkeit von Aufführungen improvisierter Musik. Mit Burkhard Beins und Orm Finnendahl schließlich wurden zwei Musiker eingeladen, aus der Sicht des Improvisators bzw. Komponisten Praxen zeitgenössischen Improvisierens zu reflektieren. Burkhard Beins nimmt das allzu oft polemisch diskutierte Problem der musikalischen Form in improvisierter Musik auf und zeigt Möglichkeiten der Formgestaltung in kollektiver Improvisation an einem Beispiel aus eigener Praxis. Im Bewusstsein produktionsästhetischer und aufführungspraktischer Unterschiede zwischen Komposition und Improvisation berichtet Orm Finnendahl von der Integration der unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen im (multi-)medialen Raum live-elektronischer Performances.





Deckblatt zur Ausgabe:  hier