E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Blonk, Jaap

Er op uit - Landpartie

Landpartie. Wer denkt nicht augenblicklich an die leise Heiterkeit eines beginnenden Tages, an duftende Wiesen und raunende Bäume, in deren Schatten es sich munter und behaglich gehen lässt... Die Landpartie Jaap Blonks entführt in einen geheimnisvollen Morgen, der flüsternde Stille noch aufbewahrt, ganz rätselhafte Wortgebilde und eine kleine Melodie mit sich führt. Doch bald wird klar: Die Hoffnung trügt. Dass man sich dem tagtäglich allerorten fabrizierten Wahnsinn, der aufdringlichen Banalität von Medien, Konsum, der Verstümmelung der Lebensgrundlagen nur schwer entziehen kann, schlägt einem aus dem Album Liederen uit de Hemel (Amsterdam, 1992) des Lautpoeten mit beinahe jedem Stück und mit aller Wucht entgegen. Die Lieder, die hier aus dem Himmel fallen, sind alles andere als himmlisch. Engel und schlafende Löwen im Wortsinne gibt es nicht. Die Lautpoesie Blonks ist ohne den sprach- und kommunikationskritischen Gestus nicht denkbar, geht aber darin nicht vollständig auf. Dichtung solle absolut sein und aus Worten wie Musik aus Tönen gemacht werden: Dieser Traum ist alt. Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, dass es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei. Sie machen eine Welt für sich aus, sie spielen nur mit sich selbst, ... (Novalis). Um 1800 galt es so, der Bürgerwelt zu entkommen, ihrer als borniert empfundenen Gefühls- und Geselligkeitskultur. Für das Prinzip absolute Musik ist das 19. Jahrhundert entscheidend; und als es mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende geht, wird mit aller Entschiedenheit auch in der Sprache nach einem Ventil gesucht, an dem sich die existentielle Bedrohung des gerade Erlebten abarbeiten lässt. Die Protagonisten der Lautpoesie träumen in den zwanziger Jahren von einer unverdorbenen, einer neuen Sprache, einer zudem, die wie Musik nur sich selbst genügt. Jaap Blonk hat sich Mitte der achtziger Jahre mit einer Einspielung eines Klassikers der Lautpoesie, der Ur-Sonate von Kurt Schwitters, Gehör verschafft. Auch in seinen folgenden Arbeiten bewegt er sich mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den theoretisch gern gesetzten Polen Sprache und Musik. Die erste Aufnahme Blonks ist eine Hommage an den MERZkünstler Schwitters, seine jüngste eine an die eigene Muttersprache: Die Dichtung in dworr buun (Amsterdam, 2001) klingt holländisch, ist es aber nicht. (sbr) Hören können Sie "Er op uit" hier

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