E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Meiner, Jörg

Monument und Maschine.

Zur Bedeutung der Automatenmöbel David Roentgens für die Höfe von Versailles, Berlin und St. Petersburg. In den Jahren zwischen 1776 und 1786 fertigte die Neuwieder Manufaktur des Ebenisten David Roentgen eine Reihe von außergewöhnlichen, ja singulären Repräsentationsmöbeln für führende europäische Herrscherhäuser. Ludwig XVI. von Frankreich, König Friedrich Wilhelm II. von Preußen und die russische Zarin Katharina II. kauften für immense Summen komplex ausgestattete Schreibmöbel, deren Marketeriebilder und mechanische Ausstattung sie als Monumente einer spätabsolutistischen Herrschaftsikonographie ausweisen. Standen sie bisher im Blick der Kunstgeschichte, so waren es stilistische, technikhistorische Fragen, kurz ihre Stellung innerhalb der Entwicklung des Mobiliars, die der Forschung interessant erschienen. Doch die Verbindung traditioneller imperialer Bildersprache und ingeniöser Technik erlaubt eine Interpretation der Möbel als mechanische Fürsten-Monumente oder -Denkmale, die durch Verblüffung des Publikums Distanz erzeugten und durch metaphorische Konnotationen das Wesen von Staat und Herrscher ins Bewusstsein höfischer Betrachter riefen. Die Roentgenschen Kunstschränke vor diesem Hintergrund vom Verdikt als Fürstenspielzeug zu befreien und ihren Platz im Gefüge höfischer Repräsentation zu bestimmen, ist die Absicht des vorliegenden Beitrages.

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