E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Dieckmann, Friedrich

Alte Werke auf neuen Instrumenten spielen. Zum Begriff der Wiederaufführung in Musik und Architektur

Wiederaufführungen sind in der musikalischen Praxis nicht nur gang und gäbe, sie bilden die Basis der gesamten Konzertpraxis; in der Architektur sind sie nicht selten umstritten. Einer der Gründe dafür ist, daß die über Jahrhunderte gewachsenen Städte, durch die die europäische Kultur sich auszeichnet, nicht als das architektonische Repertoire erkannt sind, das sie vorstellen. Der Einheimische ebenso wie der Reisende kann dessen Werkbestandteile sehend immer wieder wahrnehmen wie der hörende Rezipient Lieder, Sonaten, Sinfonien. Wo Bombenkrieg und Abrißwahn an wichtigen Stellen schmerzhafte Lücken in dieses Repertoire gerissen haben, spricht nichts gegen die Schließung der Lücke durch eine Wiederaufführung des verlorenen Werkes. Dessen Bedeutung auf seine materiale Identität zu beschränken ist ein ästhetischer Kurzschluß, der weder der theoretischen noch der praktischen Überprüfung standhält. Genau wie in der Konzertpraxis geht es dabei um die Qualität des Spiels und der Instrumente, und genau wie dort gründet sich beides auf die Dokumentation des Originals: hier Noten, dort Pläne, Bilder, Befunde. Der Unterschied zur Musik liegt in der Standortbezogenheit und der funktionellen Variabilität. Das erneuerte Seh-Werk der Architektur bedarf, anders als das bewegliche Hör-Werk der Musik, der Authentizität des originalen Standorts, um sich als erneuertes Repertoire-Element zu beglaubigen, die neue Nutzung aber, die ihm in der Regel aufgegeben ist, erzwingt ein Maß inwendiger Veränderung, dem immer wieder auch die alten Bauwerke unterlegen haben, ohne ihren ästhetischen Rang dadurch einzubüßen.

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