E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Koch, Anne-Katrin

Werbebotschafter auf der Straße. Die Tüte und die Kunst

Die Tüte ist ein Objekt, das in besonderer Weise den heutigen öffentlichen Raum mitgestaltet und diesen in den vergangenen 50 Jahren veränderte. Schon das Gedankenspiel, sich eine klassische Einkaufspassage ohne Tüten vorzustellen, fällt sehr schwer. Die Tüte aus Papier kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf und entwickelte sich mit den veränderten Einkaufsstrukturen über die Jahrzehnte zu einem Massenobjekt, welches durch die Herstellung aus Kunststoffen eine größere Stabilität bot und damit einen noch breiteren Einsatz fand. Dieses ideologisch aufgeladene Objekt inspirierte immer wieder Künstler, sich damit auseinanderzusetzen oder es als Grundlage ihrer Arbeiten zu verwenden. Die Tüte als Mittel zur Konsumkritik einzusetzen ist nahe liegend, da sie durch ihre weite Verbreitung, ihre Funktion als Werbemittel und ihren Charakter der Einmalnutzung sowie der umweltschädlichen Materialität zum Symbol des Konsums prädestiniert ist, und in dieser Form setzen sie Künstler wie Banksy oder Iskender Yediler ein. Dabei fällt auf, dass erst eine sehr klare Gestaltung des Corporate Designs der Unternehmen zu einer hohen Identifizierbarkeit führt und damit den Einsatz der Tüte als Symbol ermöglicht. Aber die Konsumkritik ist nicht der alleinige Antrieb für Künstler, sich mit dem Medium Tüte zu beschäftigen. Vor allem in den Arbeiten derer, die sich mit den Auswirkungen von Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzen und den einzelnen Menschen in seinem Geflecht von sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten stellen und damit auch das Alltägliche zeigen, wie der Bildhauer Duane Hanson und der Fotograf Martin Parr, tauchen Tüten als Accessoire des Alltags auf: Sie werden hier als Distinktionsmerkmal verwendet. Bei dem Bild "Asphalt" des Künstlers Tim Eitel scheint die Tüte ebenfalls als Distinktionsmerkmal zu fungieren, aber im Grunde ist dies eher nebensächlich, hier steht die formalästhetische Auseinandersetzung mit ihr im Vordergrund. In der Arbeit von Sebastian Freytag ist das Thema Tüte nicht mehr direkt wahrnehmbar und doch ist seine Arbeit mit ihr eng verbunden, da er sich auf die Formensprache des Künstlers Günter Fruhtrunk bezieht, der in den 1970er Jahren die Plastiktasche für Aldi-Nord entwarf. Freytags Adaption des Motivs "Klostergarten" auf einer Tapete und deren Präsentation an der Fensterfront einer leer stehenden ehemaligen Horten-Filiale macht auf die Stadtarchitektur der Nachkriegszeit aufmerksam und zeigt, wie diese die kollektive Wahrnehmung einer deutschen Innenstadt geprägt hat.

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