E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Nentwig, Janina

Narration und offenes Kunstwerk in der Aktdarstellung der Neuen Sachlichkeit

Bilder erzählen Geschichten. Dieses Diktum der Historienmalerei wird ab Mitte des 19. Jahrhunderts aufgebrochen. Die Künstler verweigern in ihren Werken eine kohärente Narration, und die daraus entstehende prinzipielle Bedeutungsoffenheit wird neben den formalen Neuerungen zu einem Merkmal der Moderne. Umberto Ecos Theorie des offenen Kunstwerks, für die bildenden Künste am Beispiel des Informel entwickelt, lässt sich auch auf gegenständliche Malerei anwenden, wie Markus Heinzelmann für die Neue Sachlichkeit postuliert. Doch wie gelangen die neusachlichen Künstler zur Offenheit ihrer Werke? Wie versuchen sie die Interpretationsbemühungen des Betrachters zu lenken? Am Beispiel der Aktdarstellung, mit ihrer beinahe übermächtigen Tradition stets auch Symbol für die Kunst selbst, werden im Folgenden Strategien vorgestellt, mit denen in der Neuen Sachlichkeit die Bilderzählung im Sinne einer stringenten Handlung aufgeweicht wird. Dabei zeigt sich, wie eng Form und Inhalt im offenen Kunstwerk zusammenhängen. Die Vertreter einer gegenständlichen Gegen-Avantgarde verfolgen keinen mimetischen Realismus, sondern stellen im Anschluss an Expressionismus, Futurismus, Kubismus und Abstraktion die Autonomie der formalen Bildmittel in den Mittelpunkt. Subjektive Verformung und Steigerung der Gegenstände und Körper sowie eine psychologisierende Verfremdung von Farbe und Perspektive lassen die bildimmanenten Beziehungen im Ungewissen, ebenso wie der Betrachter oftmals Schwierigkeiten hat, seinen Standpunkt zu definieren. Dieser kreative Dialog mit den innovativen Tendenzen der Zeit wird komplettiert durch einen ebenso schöpferischen Bezug zur Kunstgeschichte. Zentrales Prinzip ist die ikonographische Verundeutlichung, ein Verfahren, bei dem die Künstler mehrere Darstellungstraditionen kombinieren oder sogar verschleifen und dafür auf Collage, Montage und Überblendung zurückgreifen. Der kunsthistorisch versierte Betrachter setzt die zitierten Bildtraditionen unweigerlich zu dem jeweiligen Kunstwerk in Beziehung, ohne zu einer abschließenden Interpretation zu gelangen. Gleichzeitig laden die Hinweise auf mythologische oder christliche Figuren den nackten Körper mit zusätzlicher Bedeutung auf. Tradierte Zuschreibungen wie Sinnlichkeit und Schönheit werden jedoch durch die formale Gestaltung des Aktes als hässliches Anti-Ideal oder leblose Puppe wieder zurückgenommen. Die Erzählung läuft durch diese diametrale Bewegung ins Leere.

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