E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Hartmann, Jakob

Die 'Produktion des Raumes': Bild-Politiken und ihre performativ-rezeptive Aktualisierung am Beispiel eines Lissabonner Platzes

Die Lissabonner Platzanlage Alameda Dom Afonso Henriques könnte als Paradebeispiel salazaristischer Herrschaftsarchitektur begriffen werden. In der Tat weist der Platz – oder auch „Garten“, wie die Lissabonner ihn gerne nennen – alle Charakteristika einer gemeinhin als monumental und streng beschriebenen, proto-faschistischen Architektur auf. Jedoch kann dieser Platz nicht allein aufgrund seiner stilistisch-formalen Merkmale oder aufgrund der prominenten Benennung nach dem ersten König Portugals unter dem Blickwinkel der aktiven Bild-Politik des Salazar-Regimes betrachtet werden. Auch und besonders seine Einbindung in ein ehrgeiziges urbanistisches Programm der Stadterneuerung und -erweiterung im Estado Novo der 1930er und 1940er Jahre lässt einen solchen Fokus naheliegend erscheinen. Ging es doch bei dieser landesweiten Kampagne u.a. darum, die noch junge, instabile Diktatur als modernen, aufstrebenden, starken und eben ‚neuen‘ Staat zu inszenieren, der gleichwohl die Werte der Tradition, des Katholizismus und einer korporativ gefassten Volksgemeinschaft achte. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Alameda mit ihrer langen Bauzeit von 1927 bis 1948 an allen entscheidenden Phasen dieser unruhigen ersten zwei Jahrzehnte der sich formierenden Diktatur Anteil hatte. Es mag also verlocken, die Alameda beispielsweise als Veranschaulichung einer Tendenz zur ‚Faschisierung‘ innerhalb der Architektur- und Kunstpolitik des Estado Novo zu verstehen. Über einen solchen primär am unmittelbaren Bedeutungsausdruck von Kunst und Architektur orientierten Ansatz hinaus soll hier jedoch ein alternativer Zugang verfolgt werden, der, konzentriert auf die Gegenwart, nach der sozialen und diskursiven Produktion des Platzes innerhalb der verschiedenen Felder und Kontexte fragt. Wie nehmen gegenwärtige Stadtnutzer die vielschichtigen Bild-Politiken des öffentlichen Platzes auf, adaptieren oder transformieren diese und tragen somit zu der diskursiven Produktion von Raum bei? Inwiefern wandern und verschieben sich Raumbilder und Bild-Politiken in den Köpfen und Körpern der Rezipienten? Hierzu können einige im Frühjahr 2011 geführte qualitative Befragungen von Platznutzern und von Gemeindepolitikern vor Ort aufschlussreiche Hinweise liefern.

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