E-Journal für Kunst- und Bildgeschichte
Kapsreiter, Adriana

„Gesichter der Arbeit“

Peter Behrens' Zusammenarbeit mit der AEG ist heute beinahe legendär zu nennen. Behrens, der Künstlerarchitekt, ursprünglich Maler, wird zum fast alleinigen Schöpfer des Industriedesigns, der modernen Fabrikarchitektur und damit des Firmenstils der AEG im Sinne einer Corporate Identity – zahlreiche Produkte, Werbebroschüren und Industriegebäude sind aus dieser Liasion zwischen Künstler und Industrie entstanden, davon am berühmtesten die Montagehalle in Moabit von 1908, die zur Ikone des modernen Bauens geriet. Etwas weniger bekannt sind Peter Behrens' Industriebauten am AEG-Standort Humboldthain, Berlin-Wedding. Dabei bietet vor allem die Fassadenflucht der Voltastraße einen besonderen Glücksfall der Kunst- und Architekturgeschichte: In einem Straßenverlauf lässt sich hier die stilistische Entwicklung Peter Behrens als Industriearchitekt in verschiedenen Stadien nachvollziehen: Die eigentlich historistische und von Behrens' „bereinigte“ Fassade der Alten Fabrik für Bahnmaterial (1908), die Hochspannungsfabrik mit ihrer klar strukturierten Übersetzung der Gebäudeteile nach außen (1909- 1910), die Kleinmotorenfabrik mit ihrer ausgedehnten rhythmischen Fassade (1910-1913), die Neue Fabrik für Bahnmaterial mit gerasterter, abgeflachter Außenerscheinung (1911-1912) und die reduzierte, fast minimalistisch anmutende Montagehalle Großmotoren (1912) spiegeln dabei nicht nur Behrens' persönliche Stilsuche und -findung wider, sondern zeigen gleichsam paradigmatisch Behrens' Auffassungen zur Arbeit der industriellen Produktion, zu Technik und Fortschritt, zu Architektur und Stadt im Maschinenzeitalter. In diesem Artikel soll versucht werden, die Behrens'sche Stilfindung als Industriearchitekt anhand der Fassadengestaltung der Voltastraße nachzuzeichnen. Zentrale Frage ist, welche „Gesichter“ diese Fassaden über die moderne, industrielle Arbeit, die hinter ihnen verrichtet wird, nach außen repräsentieren.

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